Für das Glanzstück – Magazin der aufgeklärten Romantik – entstand einst ein sehr persönlicher Text zum Thema Synästhesie.

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Blauer Montag

Wenn die Welt sich in bunten Tönen darstellt, hat das nicht unbedingt etwas zu tun mit Drogen – sondern manchmal mit dem Verschmelzen zweier Sinne: Buchstaben werden fühlbar, Worte geschmacklich und Ziffern klangvoll. Für manche Menschen haben sich sogar die sieben Wochentage farblich herausgeputzt.

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Es gibt Zahlen, die sind mir einfach sympathisch, weil sie ungerade sind. Das Ungerade versprüht Schönes, Ausgeglichenes, so paradox das klingt. Am besten gefällt mir die Drei, dicht gefolgt von der Sieben, die schlank und rank daherkommt – ohne viel Firlefanz. Meine Augen liegen etwa sieben Zentimeter auseinander und meine Haare haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von sieben Wochen, eine ganz besondere Beziehung aber führe ich mit den sieben Wochentagen.

Ich weiß nicht, wer bei mir im Kopf die Fäden zieht, aber meine Wochentage haben Farben. Wenn die Sonne scheint spüre ich sie noch intensiver, als würde das Licht sie durchdringen und ihnen Atem einhauchen. Aber auch sonst sind sie so präsent und unabkömmlich wie die Creme auf der Zahnbürste. Ich habe die Farben nicht bewusst gewählt, um mir die Tage besser merken zu können, es fühlt sich vielmehr so an, als wäre ich über Nacht damit bedacht worden. Wie ein Vogel, der einem urplötzlich ins Haus flattert und der bleibt, weil es ihm gefällt.

Mir fehlt der Bezug zu den Buchstaben, die einen Tag ausdrücken, denn das übernehmen die Farben; sie bringen die 24 Stunden in Form und zeigen mir, wann die Sonne aufgeht – quasi eine 1A Übersetzung. Auch bei den einzelnen Farben hatte ich keine Wahl, sie sind gekommen um zu bleiben: vom dunkelblauen Montag bis zum maisgelben Sonntag und dazwischen orange, hellblau, lila, braun und grau. Ich muss zugeben, objektiv betrachtet sind die Farben nicht die Schönsten, aber so fest verankert, dass hier Äußerlichkeiten – anders als bei Zahlen – nicht zählen. In Farben kann ich mich verlieren, sie berauschen meine Sinne weitaus mehr als Buchstaben, sie sind nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern Grundlage meiner Wahrnehmung.

Mein Vater ist Kapitän und als Kind ging ich mit ihm an Bord, auf eine Reise von Rotterdam nach Afrika bis kurz über den Äquator. Drei Monate verbrachte ich auf dem Schiff, allein drei Wochen schipperten wir auf offener See. Tagein, tagaus – kein Hafen, kein Haus, kein Baum, kein Strauch in Sicht, nur das Meer, der Horizont und wir. Und mit jeder Meile, die wir zurücklegten, schwamm auch das Zeitgefühl davon. Schon ein freier Tag, den man nur im Nachthemd verbummelt, bringt das zeitliche Empfinden ins Wanken, bei drei Wochen gerieten alle aus dem Fahrwasser. Meine Farben aber wirken wie ein Klebefilm, an dem Emotionen und Erinnerungen haften bleiben und somit jeden Tag von einem neuen abgrenzen. Und diese bunten Gefühlsnotizen helfen mir dabei, Wochentag und Datum zu rekonstruieren – so hat mich mein persönliches Koordinatensystem nicht nur auf dem Atlantik im Gleichgewicht gehalten, auch heute bleibt mein Leben damit in bester Ordnung.

Mein Zahlen- und Farbenfetisch mag kompliziert aussehen, andere verwundern oder verwirren, und zugegeben, manchmal ist es wirklich anstrengend alle Dimensionen in Einklang zu bringen. Doch ich sehe es als eine schöne Gabe und ein Geschenk, das mich oft beflügelt. Und die Sieben, ja, die Sieben ist zudem verdammt hübsch anzusehen.

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Für das Glanzstück – Magazin der aufgeklärten Romantik – entstand einst ein sehr persönlicher Text zum Thema Synästhesie.

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Blauer Montag

Wenn die Welt sich in bunten Tönen darstellt, hat das nicht unbedingt etwas zu tun mit Drogen – sondern manchmal mit dem Verschmelzen zweier Sinne: Buchstaben werden fühlbar, Worte geschmacklich und Ziffern klangvoll. Für manche Menschen haben sich sogar die sieben Wochentage farblich herausgeputzt.

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Es gibt Zahlen, die sind mir einfach sympathisch, weil sie ungerade sind. Das Ungerade versprüht Schönes, Ausgeglichenes, so paradox das klingt. Am besten gefällt mir die Drei, dicht gefolgt von der Sieben, die schlank und rank daherkommt – ohne viel Firlefanz. Meine Augen liegen etwa sieben Zentimeter auseinander und meine Haare haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von sieben Wochen, eine ganz besondere Beziehung aber führe ich mit den sieben Wochentagen.

Ich weiß nicht, wer bei mir im Kopf die Fäden zieht, aber meine Wochentage haben Farben. Wenn die Sonne scheint spüre ich sie noch intensiver, als würde das Licht sie durchdringen und ihnen Atem einhauchen. Aber auch sonst sind sie so präsent und unabkömmlich wie die Creme auf der Zahnbürste. Ich habe die Farben nicht bewusst gewählt, um mir die Tage besser merken zu können, es fühlt sich vielmehr so an, als wäre ich über Nacht damit bedacht worden. Wie ein Vogel, der einem urplötzlich ins Haus flattert und der bleibt, weil es ihm gefällt.

Mir fehlt der Bezug zu den Buchstaben, die einen Tag ausdrücken, denn das übernehmen die Farben; sie bringen die 24 Stunden in Form und zeigen mir, wann die Sonne aufgeht – quasi eine 1A Übersetzung. Auch bei den einzelnen Farben hatte ich keine Wahl, sie sind gekommen um zu bleiben: vom dunkelblauen Montag bis zum maisgelben Sonntag und dazwischen orange, hellblau, lila, braun und grau. Ich muss zugeben, objektiv betrachtet sind die Farben nicht die Schönsten, aber so fest verankert, dass hier Äußerlichkeiten – anders als bei Zahlen – nicht zählen. In Farben kann ich mich verlieren, sie berauschen meine Sinne weitaus mehr als Buchstaben, sie sind nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern Grundlage meiner Wahrnehmung.

Mein Vater ist Kapitän und als Kind ging ich mit ihm an Bord, auf eine Reise von Rotterdam nach Afrika bis kurz über den Äquator. Drei Monate verbrachte ich auf dem Schiff, allein drei Wochen schipperten wir auf offener See. Tagein, tagaus – kein Hafen, kein Haus, kein Baum, kein Strauch in Sicht, nur das Meer, der Horizont und wir. Und mit jeder Meile, die wir zurücklegten, schwamm auch das Zeitgefühl davon. Schon ein freier Tag, den man nur im Nachthemd verbummelt, bringt das zeitliche Empfinden ins Wanken, bei drei Wochen gerieten alle aus dem Fahrwasser. Meine Farben aber wirken wie ein Klebefilm, an dem Emotionen und Erinnerungen haften bleiben und somit jeden Tag von einem neuen abgrenzen. Und diese bunten Gefühlsnotizen helfen mir dabei, Wochentag und Datum zu rekonstruieren – so hat mich mein persönliches Koordinatensystem nicht nur auf dem Atlantik im Gleichgewicht gehalten, auch heute bleibt mein Leben damit in bester Ordnung.

Mein Zahlen- und Farbenfetisch mag kompliziert aussehen, andere verwundern oder verwirren, und zugegeben, manchmal ist es wirklich anstrengend alle Dimensionen in Einklang zu bringen. Doch ich sehe es als eine schöne Gabe und ein Geschenk, das mich oft beflügelt. Und die Sieben, ja, die Sieben ist zudem verdammt hübsch anzusehen.

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