Für die (Kunden-)Magazine des Düsseldorfer Verlags Inhouse Printmedien war ich von 2006 bis 2008 als Redakteurin tätig. Idee, Konzeption, Text und Emotionalität sind die Bausteine, die mich bis heute begleiten.

Sprachliche Feinheiten, die gleichsam auch für das Bild gelten, ein Ergebnis dieser >Schule<.

In der Zeit entstanden zahlreiche Texte – unter anderem für theo.

Ein Portrait über die Geigenbauerin Anna Luhmann.

Gestaltung: Claudia Ott

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Klingt gut

Anna Luhmann zieht täglich neue Saiten auf – und ist doch ganz im Einklang mit ihrer Arbeit. theo hat die Geiegenbauerin in ihrem Atelier besucht.

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>Nach Perfektionismus streben, heißt das Unmögliche wollen<, sagt ein altes spanisches Sprichwort und diese Weisheit hat Anna Luhmann ergänzt: >In der Natur ist auch nichts perfekt, aber es steckt Liebe darin. Und so ist es auch mit meinen Geigen.< Die 28-Jährige bringt in ihrer Werkstatt alte Stücke in Form oder neue auf die Welt. >Geigen dürfen leben und entstehen, sie müssen bezaubern und faszinieren.<

In ihrem Atelier baumeln Klangkörper wie geräucherte Schinken von der Decke hinab. Sie braucht niemanden, der ihr über die Schulter blickt, dafür Ruhe, während sie mit Hobel, Feile oder Pinsel hantiert. Sie kniet sich rein, und das kann pro Instrument bis zu zwei Monate dauern.

Im Hintergrund läuft klassische Musik. >Wenn ich schon mit den Händen arbeite, brauche ich wenigstens etwas für den Kopf.< Manchmal dringt auch das Orgelspiel von St. Antonius durch die dicken Mauern. Ein vertrautes Geräusch für die Tochter einer Pfarrerin aus Essen. Von jedem zu bauenden Instrument hat sie eine Vorstellung, horcht erst einmal lange in sich hinein. Schwingungen, die in der Luft hängen, muss sie in Klang verwandeln. Doch sie weiß: Jede Geige entwickelt ein Eigenleben, und das Ergebnis ist wie eine Geburt: am Ende doch eine Überraschung.

Für ihren ungewöhnlichen Beruf entschied sie sich kurz vor dem Abitur, und lernte dann an der Newark School für Violinbau im englischen Nottingham: Instrumentengeschichte, Wissen über Hölzer, handwerkliches Geschick. Nach vier Jahren England kam sie zurück, arbeitete die nächsten Jahre in einer Düsseldorfer Werkstatt. Schwerpunkt: Restauration und Reparatur. Nun hat sie sich selbständig gemacht, und mehr denn je begriffen: >Jede Geige ist wie ein Mensch mit Charakter. Die Wölbung des Körpers, dazu der besondere Klang.< Für sie ist Geigenbau eine Glaubenssache: >Ich glaube, dass die Geige, so wie sie ist, gut ist.< Klingt gut, und hat das nicht schon einmal jemand über seine Schöpfung gesagt?

Mehrere selbstgebaute Geigen hat Anna Luhmann schon verkauft, auch an einen Profi. So ein gutes Stück hat seinen Preis: 9.000 Euro im Schnitt. >Aber Schüler oder Anfänger müssen so viel Geld nicht ausgeben<, sagt Anna Luhmann.

Alle Eigenkreationen atmen ihre Persönlichkeit. >Alte Geigen sind geheimnisvoll, aber neue Geigen haben viel Kraft.< Und: >Eine Geige soll ehrlich sein – nicht wie die unverlässlichen ›Chinesen‹, von schlechter Qualität und kurzer Lebensdauer.<

Die Fachfrau seziert und probiert, verfeinert und erneuert, und arbeitet sich hoch bis zur Geigenschnecke, dem schönen Schmuck am Hals. Sie nimmt ihr Werk in die Hand und betrachtet es lange: >Da wo alles gleich scheint, gibt es feine Unterschiede<. Zum Schluss klebt sie einen kleinen Zettel ins Körperinnere: Anna Luhmann, 2008. In der Hoffnung, dass in 150 Jahren, auch eine ›Luhmann‹ so begeistert inspiziert wird – wie jede Geige, die ihr selbst in die Hände gespielt wird.

Inspiration geben ihr alte Meisterinstrumente: von Stradivari oder Guarneri del Gésu, ihrem Favoriten: >Guarneri war wild und eben nicht perfekt. Er hat alte Klapperkisten grandios bespielt.<

Neben ihrer Begeisterung vertraut sie auf Intuition und Muße. Aufwendige Restaurierungen bedeuten für Anna Luhmann immer auch eine Reise in die Vergangenheit: Welchen Weg ist ein Instrument gegangen? Welche Geschichte bringt es mit? >Ich arbeite an einer persönlichen Handschrift, will sie erkennen und meine Arbeitsschritte entsprechend setzen.< Das heißt Hälse flicken, Risse leimen, dem Stück neuen Glanz geben – und dabei stets den Charakter des Instruments erhalten. >Alte Stücke können zickig sein, und damit muss man umgehen können.< Ja, für sie gibt es sie, die Liebe auf den ersten Blick. >Oft ist es nur der Moment des Berührens, der entscheidet. Wie liegt sie in der Hand, wie spielt sie sich: Mag ich sie, oder mag ich sie nicht? Und: Wie ist ihr Klang?<

Wenn Anna Luhmann abends die Werkstatt verlässt, ist sie immer wieder überrascht, >wie laut es da draußen ist.< Dennoch braucht sie den Abstand zu ihrer Arbeit. >Abends schließe ich die Tür und kann auch keine klassische Musik mehr hören.<

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Für die (Kunden-)Magazine des Düsseldorfer Verlags Inhouse Printmedien war ich von 2006 bis 2008 als Redakteurin tätig. Idee, Konzeption, Text und Emotionalität sind die Bausteine, die mich bis heute begleiten.

Sprachliche Feinheiten, die gleichsam auch für das Bild gelten, ein Ergebnis dieser >Schule<.

In der Zeit entstanden zahlreiche Texte – unter anderem für theo.

Ein Portrait über die Geigenbauerin Anna Luhmann.

Gestaltung: Claudia Ott

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Klingt gut

Anna Luhmann zieht täglich neue Saiten auf – und ist doch ganz im Einklang mit ihrer Arbeit. theo hat die Geiegenbauerin in ihrem Atelier besucht.

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>Nach Perfektionismus streben, heißt das Unmögliche wollen<, sagt ein altes spanisches Sprichwort und diese Weisheit hat Anna Luhmann ergänzt: >In der Natur ist auch nichts perfekt, aber es steckt Liebe darin. Und so ist es auch mit meinen Geigen.< Die 28-Jährige bringt in ihrer Werkstatt alte Stücke in Form oder neue auf die Welt. >Geigen dürfen leben und entstehen, sie müssen bezaubern und faszinieren.<

In ihrem Atelier baumeln Klangkörper wie geräucherte Schinken von der Decke hinab. Sie braucht niemanden, der ihr über die Schulter blickt, dafür Ruhe, während sie mit Hobel, Feile oder Pinsel hantiert. Sie kniet sich rein, und das kann pro Instrument bis zu zwei Monate dauern.

Im Hintergrund läuft klassische Musik. >Wenn ich schon mit den Händen arbeite, brauche ich wenigstens etwas für den Kopf.< Manchmal dringt auch das Orgelspiel von St. Antonius durch die dicken Mauern. Ein vertrautes Geräusch für die Tochter einer Pfarrerin aus Essen. Von jedem zu bauenden Instrument hat sie eine Vorstellung, horcht erst einmal lange in sich hinein. Schwingungen, die in der Luft hängen, muss sie in Klang verwandeln. Doch sie weiß: Jede Geige entwickelt ein Eigenleben, und das Ergebnis ist wie eine Geburt: am Ende doch eine Überraschung.

Für ihren ungewöhnlichen Beruf entschied sie sich kurz vor dem Abitur, und lernte dann an der Newark School für Violinbau im englischen Nottingham: Instrumentengeschichte, Wissen über Hölzer, handwerkliches Geschick. Nach vier Jahren England kam sie zurück, arbeitete die nächsten Jahre in einer Düsseldorfer Werkstatt. Schwerpunkt: Restauration und Reparatur. Nun hat sie sich selbständig gemacht, und mehr denn je begriffen: >Jede Geige ist wie ein Mensch mit Charakter. Die Wölbung des Körpers, dazu der besondere Klang.< Für sie ist Geigenbau eine Glaubenssache: >Ich glaube, dass die Geige, so wie sie ist, gut ist.< Klingt gut, und hat das nicht schon einmal jemand über seine Schöpfung gesagt?

Mehrere selbstgebaute Geigen hat Anna Luhmann schon verkauft, auch an einen Profi. So ein gutes Stück hat seinen Preis: 9.000 Euro im Schnitt. >Aber Schüler oder Anfänger müssen so viel Geld nicht ausgeben<, sagt Anna Luhmann.

Alle Eigenkreationen atmen ihre Persönlichkeit. >Alte Geigen sind geheimnisvoll, aber neue Geigen haben viel Kraft.< Und: >Eine Geige soll ehrlich sein – nicht wie die unverlässlichen ›Chinesen‹, von schlechter Qualität und kurzer Lebensdauer.<

Die Fachfrau seziert und probiert, verfeinert und erneuert, und arbeitet sich hoch bis zur Geigenschnecke, dem schönen Schmuck am Hals. Sie nimmt ihr Werk in die Hand und betrachtet es lange: >Da wo alles gleich scheint, gibt es feine Unterschiede<. Zum Schluss klebt sie einen kleinen Zettel ins Körperinnere: Anna Luhmann, 2008. In der Hoffnung, dass in 150 Jahren, auch eine ›Luhmann‹ so begeistert inspiziert wird – wie jede Geige, die ihr selbst in die Hände gespielt wird.

Inspiration geben ihr alte Meisterinstrumente: von Stradivari oder Guarneri del Gésu, ihrem Favoriten: >Guarneri war wild und eben nicht perfekt. Er hat alte Klapperkisten grandios bespielt.<

Neben ihrer Begeisterung vertraut sie auf Intuition und Muße. Aufwendige Restaurierungen bedeuten für Anna Luhmann immer auch eine Reise in die Vergangenheit: Welchen Weg ist ein Instrument gegangen? Welche Geschichte bringt es mit? >Ich arbeite an einer persönlichen Handschrift, will sie erkennen und meine Arbeitsschritte entsprechend setzen.< Das heißt Hälse flicken, Risse leimen, dem Stück neuen Glanz geben – und dabei stets den Charakter des Instruments erhalten. >Alte Stücke können zickig sein, und damit muss man umgehen können.< Ja, für sie gibt es sie, die Liebe auf den ersten Blick. >Oft ist es nur der Moment des Berührens, der entscheidet. Wie liegt sie in der Hand, wie spielt sie sich: Mag ich sie, oder mag ich sie nicht? Und: Wie ist ihr Klang?<

Wenn Anna Luhmann abends die Werkstatt verlässt, ist sie immer wieder überrascht, >wie laut es da draußen ist.< Dennoch braucht sie den Abstand zu ihrer Arbeit. >Abends schließe ich die Tür und kann auch keine klassische Musik mehr hören.<

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